Sebastian Haffner – Das Leben der Fußgänger.

In dieser Rubrik werde ich mit der Zeit einige Bücher vorstellen, die mich auf meinen Wegen begleitet haben und mir viele Erkenntnisse brachten, meinen Horizont erweiterten, oder mich einfach nur gut unterhalten haben.

Anfangen will ich mit einem scheinbar unpolitischen Buch, dass aber durch seine Rezeption und seine vielen, zwischen den Zeilen versteckten politischen Andeutungen an historischem Wert gewinnt.
Die Rede ist von Sebastian Haffners „das Leben der Fußgänger“.

Einigen wird Sebastian Haffner ein Begriff sein und seine Popularität hat er durch viele, erfolgreiche historische Bücher erlangt. Seine Analysen des dritten Reiches (Germany: Jekyll and Hyde) oder Adolf Hitlers (Anmerkungen zu Hitler) sind vielgelesene und vielzitierte Werke, deren schlüssige Argumentation und Prägnanz ihresgleichen suchen. Haffner war ein hochpolitischer Mensch, dessen Leidenschaft sein Leben lang der Erforschung historischer und politischer Zusammenhägen galt; umso interessanter ist es, einen anderen Sebastian Haffner kennenzulernen.
Haffner, der eigentlich Jurist war, arbeitete in den dreißiger Jahren als Journalist u. a. für die „Vossische Zeitung“ und die Zeitschrift „Koralle“, in denen er einige Artikel für das Feuilleton schrieb. Diese Artikel, dazu viele undatierte bzw. unveröffentliche sind nun in dem Buch „das Leben der Fußgänger“ gesammelt.
Bis zu seiner Emmigration 1939 nach England schrieb Haffner Geschichten aus und über den Alltag in Deutschland, die Tücken und Probleme, aber auch die lustigen, kurzweiligen Momente über die man schmunzeln kann. Beim Lesen des Buches fällt unweigerlich auf, was für ein großartiger Schriftsteller an Haffner verloren gegangen ist, als ihn sein Weg nach England führte und dort in den politischen Journalismus.
Die meist kurzen, nur wenige Seiten langen Artikel behandeln das Alltägliche, manchmal das Banale, das Haffner mit Sinnesschärfe und Auffassungsgabe analysiert, ohne dabei den Blick für das Komische, das Verrückte aber auch das Wesentliche zu verlieren.
Man merkt ihm an, dass er Spaß an dem Geschriebenen hat und dass er mit vielen ironischen Seitenblicken auch seine eigenen Person zum Gegenstand seiner Beobachtungen macht. Und genau dort ist das Buch auch am stärksten, immer dann, wenn es andeutungsweise biographisch wird und Haffner keinen Hehl aus seinen eigenen Unzulänglichkeiten und Lastern macht.
Laster sind es auch, die sich wie eine roter Faden durch das Buch ziehen. Mal geht es um das Rauchen, mal um den Genuss von Kognak, das lange Schlafen oder den Müßiggang. Haffner beschreibt so pointiert und charmant, dass man jedes von ihm beschriebene Laster und jede „Charakterlosigkeit“ unweigerlich als feinen Wesenszug ansieht.
Auffallend ist auch seine Detailverliebtheit und seine Akribie bei der Beschreibung der verschiedensten Verhaltensweise seiner Mitmenschen:
Seien es Mitreisende im Zug und deren „Fensteröffne“-Gewohnheiten oder Briefeschreiber und deren Dilemma beim korrekten formulieren ihres Geschriebenen. Das alles mag banal klingen und dadurch wertlos sein, aber gerade durch seine Banalität bietet es einen intimen Blick auf die Gesellschaft im Deutschland der dreißiger Jahre. Es öffnet uns die Tür in eine Gesellschaft, die zwischen Diktatur und Dekadenz, politischem Kampf und Alltäglichkeit pendelte, die immer an der Grenze zum Chaos stand und in der letztendlich unendliches Leid geschah.
So konnte Haffner auch nicht anders, als immer wieder andeutungsweise zu zeigen, in welche Richtung der Kurs in Deutschland führen wird. Er hat die Katastrophe geahnt und dieses Wissen subtil in seine Artikel eingebaut.

Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk; man kann es unbeschwert lesen und die vielen humoristischen Anekdoten genießen, aber man kann auch zwischen den Zeilen lesen und viel über die „ungeschminkte“ Gesellschaft der dreißiger Jahre lernen und durch Haffners Weitsicht einen tiefen, ehrlichen Eindruck über das Leben in dieser furchtbaren Diktatur gewinnen.

Letztendlich ist es gut, dass aus Haffner das geworden ist, was er war, ein hervorragender Historiker, aber ebenso gut ist es, dass wir seiner Vielseitigkeit und seiner Schreibbegabung dieses wunderbare Buch verdanken.

Haffner, Sebastian
Das Leben der Fußgänger
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co Kg
München, 2006

Isbn: 3-423-34293-5

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