Ein bisschen sekundärer Antisemitismus? Packen Sie’s mir bitte als Geschenk ein.

Da lese ich doch zum morgendlichen Kaffee nichts ahnend den Politblog, besser gesagt diesen Artikel: „Eliyahu: Völkermord in Gaza ist okay
In diesem Artikel geht es um die Worte eines Rabbiners, der Kollektivbestrafung für Palästinenser fordert und dies mit „jüdischer Kriegsethik“ rechtfertigt. Wenn einige Palästinenser Kassam-Raketen auf Nordisrael feuern, sollen als Antwort schnell kollektiv alle Palästinenser im Gazastreifen zur Rechenschaft gezogen werde.

Als ich den Artikel las, hatte ich schon ein ungutes Gefühl, dass sich aber erst vollends bestätigte, als ich mir die Kommentare zu diesem Artikel durchlas.

Aber fangen wir vorne an:

Wie ist die Aussage des Rabbiners Mordechai Eliyahu zu werten? Diese Aussage ist selbstverständlich ein Unding. Kollektivschuld und Sippenhaft zu fordern ist unabhängig von der Situation und dem politischen Rahmen fahrlässig. Darüber braucht man nicht zu diskutieren. Ebensowenig darüber, dass die Ausführungen Eliyahus dumm sind.
Worüber man diskutieren kann, ist die Bedeutung, die diesens Äußerungen beigemessen werden kann. Wenn ein 78-jähriger, ehemaliger Rabbiner, seine alttestamentarischen Obsessionen auslebt, ist dann eine Auseinandersetzung mit ihm überhaupt nötig, oder disqualifiziert er sich damit quasi selbst?
Natürlich tut er das. Und natürlich wird sein Brief an Olmert keine Auswirkungen auf den politischen Alltag in Israel und Gaza haben. Politisch- und religiös Verblendete gibt es überall; in Deutschland, Israel oder Schweden. Ebenso in jeder Religion. Ihr Rufen wird von ihren Anhängern sicher nicht überhört, aber das ist nichts, weswegen man das (politische) Rad neu erfinden muss. Solche Aussagen sind nicht besorgniserregend, besorgniserregend ist ihre Rezeption.

Und da sind wir wieder bei den Kommentaren zu diesem Politikblog-Artikel angelangt.

Als ich – ausgestattet mit dem oben beschriebenen schlechten Gefühl – die Kommentarsektion betrachtete, war mir danach, den frisch einverleibten Kaffee direkt wieder auf dem Klo loszuwerden. Wo bin ich denn hier gelandet? Auf einem Ringelpiez der Antisemiten? Auf einer Veranstaltung der Dachorganisation der Geschichtsrevisionisten? Nein, verzeiht mir, es handelt sich natürlich nur um Menschen, die einen gesunden Antizionismus ihr eigen nennen – und ein wenig Kritik wird ja wohl noch erlaubt sein, oder?
Das Problem ist, dass Kritik nur dann erlaubt ist, wenn sie erstens Verhältnismäßig ist und zweitens der Ton und die Wortwahl sie legitimiert.
Beides trifft auf viele Kommentare nicht zu.

Arbeiten wir diese Abscheulichkeiten mal von Oben nach Unten ab:

Gleich der erste Kommentator macht seinem Ärger Luft, indem er dem Zionismus (womit er wohl Israel meint) Kollektivbestrafung als Staatsräson attestiert. Dass der Zionismus mit der Gründung des Staates Israel vor nunmehr 60 Jahren seine Funktion eingebüßt hat, spielt dabei keine Rolle: Isreal ist Synonym für den Zionismus und Zionismus ist Synonym für Rassismus, das wissen politisch Interessierte nicht erst seit der Un-Resolution 3379. Der Kommentator hat seine Hausaufgaben gemacht.

Der nächste Kommentator geht die Sache von der anderen Seite an: Er beschwert sich, dass man gleich bestraft würde (…[wird] gleich der Tod gefordert[…]), wenn man was gegen Israel sage. Das ist natürlich richtig. Wir alle lesen tagtäglich von den tausenden Israelkritikern, die um ihr Leben fürchten müssen, und denen der Mossad dicht auf den Fersen ist.
Dieser Kommentar ist natürlich genauso Dumm wie der erste, und beide bedienen sich klassischer antisemitischer Topoi, aber die Kommentatoren sind damit in guter Gesellschaft.
Weiter geht es mit Kommentar Nr. 3: Dieser geht gleich in der ersten Zeile aufs Ganze: Israel sei ein Unrechtsstaat. Damit erübrigt sich jede weitere, kritische Auseinandersetzung. Ob der Schreiber damit meint, dass der Staat Israel Unrecht begeht, oder der Staat an sich, dass heißt, seine Existenz Unrecht ist, geht nicht klar hervor. Wenn man allerdings etwas weiter liest und ihn von „[…]der wahren Gesinnung dieser verlogenen und rassistischen Gesellschaft.“ reden hört, dann kann man ohne Zweifel von Letzterem ausgehen.

Kommentar Nummer 4 pauschaliert nur ein wenig, in dem er sagt, dass „die Juden“ immer noch zur Zeit des alten Testaments leben würden. Keine große Sache also und bei der Vielfalt der israelischen Bevölkerung und der Vielfalt der jüdischen Religionsselbstverständnisse nicht weiter ernst zu nehmen.
Sein Nachtrag in Kommentar 5 ist da schon interessanter: Dort behauptet er, dass 90% der heutigen Juden gar nicht Nachkommen des „eigentlichen jüdischen Volkes“ seien, sondern Nachkommen von Osteuropäern, die aus wirtschaftlichen und politischen Gründen zum Judentum konvertiert sind, und negiert damit mal eben 2000 Jahre Diaspora.

Kommentator Nummer 7 (bzw. 6 in Kommentar 7) bringt ein völlig neues Topos ins Spiel: Nach langatmigen Ausführungen über Kassam-Rakete u. ä. „vermutet“ er, dass die Palästinenserorganisationen eh durchwegs von Israelischen Kräften infiltriert sind und gesteuert werden, um Israel die Legitimation für ihre „Vertreibungspolitik“ zu geben. Eine neue Facette der Verschwörungstheorien Israel betreffend, in ihrer Dummheit immerhin lesenswert.

Kommentar Nummer 10 zieht dann eine gelungene Parallele zu den deutschen Verbrechen der Vergangenheit: „Die Assis [sic] wie Goebbels oder Hitler […] , hatten genauso eine Sprechweise drauf.“ um kurz darauf eine kleine, versteckte, vielleicht unbewusst geäußerte Drohung nachzuwerfen: „…von Feinden lernen, heißt nicht immer Siegen lernen.“

Kommentar 11 (von Kommentator 1) verstärkt dann nocheinmal die Behauptung, Isreal sei ein rassistisches Regime, als dann mit Kommentar 13 endlich der erste aufsteht, und fragt ob „ihr“ (also die bisherigen Kommentatoren) noch richtig tickt.
Diesem wird natürlich sofort massiv entgegengetreten (u.a. von dem Autor des Textes).

Ich will jetzt garnicht weiter ins Detail gehen, denn die Kommentare wiederholen sich. Es sind auch nur die gleichen drei bis vier Personen, die sich in den Kommentaren beteiligen. Es geht um den israelischen Rassismus, es geht um die Abstammung der heute in Israel lebenden Juden, die kein Anrecht auf dieses Land haben, es geht darum, dass man Antisemit ist, wenn man die Wahrheit sagt.

Ihr lieben Kommentatoren: Das, was ihr betreibt, nennt man sekundären Antisemitismus. Ihr wollt die Juden nicht vernichten, ihr wollt sie nicht in Ghettos stecken oder im Meer versenken, aber ihr hegt eine tiefe Abneigung gegen sie. Die oben angesprochenen Topoi sind klassische (sekundäre) antisemitische Topoi. Damit müsst ihr euch auseinandersetzen, wenn ihr in eurem Selbstverständnis keine Antisemiten seid. Ihr teilt die Sprache mit Holocaustleugnern und Revisionisten, mit NPD’lern und Islamisten. Es sind keine Vernichtungsphantasien, die euch treiben und die euch zum Glück noch von anderen Antisemiten unterscheidet, aber eure Leitmotive sind ihnen ähnlich. Ihr pauschaliert – klassisch – indem ihr von „den Juden“ sprecht, eine Formulierung, die ebensowenig treffend ist, wie „die Deutschen“ oder „der Islam“. Ihr unterschlagt damit die vielen verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Strömungen in Israel, die Friedensbewegung und die vielen Israelis, die die Politik ihres Staates kritisch reflektieren.

Um es nochmal klarzustellen: Kritik an Israel und der israelischen Politik ist erlaubt – muss erlaubt sein. Allerdings kommt es hier genauso wie bei Kritik an Russland, China oder den USA auf die Wahl der Worte an. Es gibt in Deutschland weder eine Schuld, die sich aus der Vergangenheit ableitet, noch eine Verantwortung Israel oder den Palästinensern gegenüber. „Gerade wir Deutschen müssen…oder müssen nicht“ ist falsch. Kritik ist universell und gewinnt ihren Wert einzig und allein durch ihren Aufbau.
Wenn ihr also das nächste mal wieder Israel oder israelische Politik kritisieren wollt, dann lernt aus den fehlern, die tausende mehr oder weniger überzeugte Antisemiten begangen haben und macht es besser. Denn das, was ich in diesem Artikel und vor allem in den Kommentaren gelesen habe ist zum Teil widerwärtiges, antisemitisches Geschwätz.

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