Gewalt ist geil…

Dass Geiz geil ist, wissen wir ja nicht zuletzt dank abendfüllender Werbepenetration, aber nun merken wir immer mehr: Nicht nur Geiz ist geil, nein auch Gewalt ist geil.
So wie der Geiz in den Jahren der Rezession (editiert!)  zu unserem treuen Verbündeten und Freund wurde, so wird die Gewalt langsam aber sicher zu unserem ständigen Wegbegleiter durch den politischen Alltag.
Dabei ist es nicht so, als sei Gewalt erst seit Neustem politisches Ausdrucksmittel; Gewalt gehört zur Politik wie die Begriffe Staat und Regierung mit denen sie dann auch gerne eine lexikalische Symbiose eingeht. Kaiser, Könige, Präsidenten und Minister werden schon seit Anbeginn der Zeit von Rivalen und Andersdenkenden ermordet, Regierungen mit Gewalt gestürzt und Systeme aus den Angeln gerissen.
An Letzterem ist nicht einmal etwas auszusetzen. So hatten gewalttätige Aufstände in der Geschichte oft viel Gutes in sich, das vielleicht nicht immer sofort, aber doch im Laufe der Zeit zu Tage trat. Sie waren immer mit viel Blut behaftet, haben Leid gebracht und gekostet, haben die Menschen verzehrt und oftmals ihren Idealismus und ihre Existenz gekostet. Aber in ihnen lag ein hohes Gut, ein Wert, den erst die Nachwelt vollends begreifen konnte. Es gab Zeiten, in denen war das Aufbegehren gegen den Staat alltäglich, forderten Kämpfe um eine bessere Sache kontinuierlich Opfer, wurde der Gewalt der Massen mit furchtbaren Mitteln entgegnet.

Nicht heute, nicht in Deutschland. Das Gebilde, dass sich Staat nennt, hat sich konstituiert. Die Gewalt wurde an den politischen Rand gedrängt, das Gewaltmonopol des Staates in der Mitte etabliert. Die Worte „Revolution“ und „Aufstand der Massen“ sind mit Rosa Luxemburg im Landwehrkanal ertrunken, gegen deren intellektuelle Revolution der deutsche Herbst wie ein martialisches Strohfeuer wirkte. Zur Zeit des Dritten Reiches war Revolution Staatsräson und damit so revolutionär wie ihre bierseeligen, braunhemdigen Protagonisten. Und danach? Die frühe Brd hatte keine revolutionären Züge. Bis auf wenige Ausnahmen aus bestimmten Jugendmilieus waren die 50er und 60 Jahre eine stockkonservative Angelegenheit die viel zu sehr mit ihrem Platz an der Sonne beschäftigt war, als den politischen Status Quo zu hinterfragen.
Und dann kam dieser Tag. Vor fast genau vierzig Jahren wurde ein höchstens am Rande beteiligter Student auf einer Demonstration gegen den Schah von Persien von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Dieser Student war Benno Ohnesorg und diese Tat war einer dieser magischen Momente der Geschichte, die dazu in der Lage sind, die politische Realität aus ihren Fugen zu heben. Es ist die Macht solcher Ereignisse, die Macht ihrer Bilder, die die Kraft besitzen, Massen zu bewegen, Massen aus ihrem Schlaf zu erwecken. Die Menschen wurden wach und bewegten sich.
Es war die Zeit, in der die junge Bundesrepublik das erste mal in ihrer Geschichte an den Rand einer Revolution gebracht wurde. Nie vorher und nie nachher war der Staat in einer ähnlichen Weise gespannt – wurde spröde – aber brach nicht. Es herrschte Chaos, es herrschte Gewalt, aber das letzte, entscheidende Moment, dass die Struktur des Staates gesrprengt hätte, fehlte. Die Quasi-Revolution schlug sich selbst nieder und gebar eine Generation von radikalen Einzelgängern die ihre ganz eigenen revolutionären Ziele mit äußerster Brutalität durchzusetzen versuchten.
In dieser Phase, in den 70er Jahren, hat der Staat das Meiste gelernt. Aus München ’72, aus Mogadischu und Schleyer-Entführung; er entwickelte wirksame Mechanismen der Gewaltprävention, ohne dabei selbst auf physische oder psychische Gewalt zu verzichten. Es war der deutsche Herbst, als der Staat das Monopol auf Gewalt zurückeroberte und seitdem mit allen Mitteln zu verteidigen versuchte.

Seit über zwanzig Jahren hat sich das Bild konstituiert. Protest ist entweder friedlich oder wird schnellstmöglich niedergeschlagen. Gegen die gut organisierten und ausgerüsteten Präventivkräfte scheint jedweder Widerstand per se zum Scheitern verurteilt zu sein – bis zu diesem Wochenende.

Es waren die Bilder aus Rostock, die mich nachdenken haben lassen. Ich habe mich gefragt, ob ich soetwas auf deutschem Boden schon einmal gesehen habe? Polizeihundertschaften, die vor Demonstranten flüchten? Nein, das gab es noch nicht. (vielleicht ’81 in Frankfurt?) Dabei geht es nicht einmal so sehr darum, ob der Protest und die Gewalt legitmiert oder angemessen ist, es geht darum, zu sehen, was in Deutschland im Jahre 2007 möglich ist.

Gewalt ist natürlich nicht geil! Sie ist im besten Falle ein Mittel zum Zweck um Missstände zu bekämpfen. Aber sie ist ein Code, der die politische Situation eines Landes beschreibt. Je mehr diese Gewalt auf Seiten des Staates liegt, desto mehr tendiert dieser Staat in Richtung Autokratie – je mehr die Gewalt in den Händen der Massen liegt desto mehr in Richtung Anarchie. Die Gewalt ist ein Indikator für politischen Wandel und das macht sie auf eine gewisse Weise wertvoll. Und an diesem Wochenende hat man gemerkt, dass politischer Wandel überhaupt noch möglich ist. Ich rede nicht von großen, staatstragenden Gesten, sondern von Opposition gegen den Staat und dessen Vollstreckungsorgane.
Dass diese Gewalt in kopflose Randale ausgeartet ist, ist unschön, zeigt aber auch die Unsicherheit und Überraschtheit aller Beteiligten.
So ungern es die Meisten hören wollen, aber die Autonomen haben an diesem Wochenende einen doppelten Sieg errungen. Aus diesem Sieg werden sie bestärkt heraustreten, selbst wenn die nächsten Wochen in Mecklenburg-Vorpommern ihnen keinen ähnlichen Erfolg liefern werden.

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